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Scheidung

„Scheidungsformel" Adjusted-Winner-Methode

Vermögenswerte wie Wohnung, Hausrat und Auto ohne Streit nach klaren mathematischen Vorgaben verteilen? Nicht alles lässt sich rein über Logik abwickeln, gerade wenn es um ein emotional aufwühlendes Thema wie Scheidung geht. Doch es schadet nicht, strukturierte Lösungsansätze in die Aufteilung des ehelichen Hab und Guts einzubringen. In der Mediation, die die konfliktfreie Abwicklung der Ehe zum Ziel hat, wird gerne auf eine „Scheidungsformel“ verwiesen, die auch als „Adjusted-Winner-Methode“ bekannt ist.

Was ist die Adjusted-Winner-Methode?

Die Adjusted-Winner-Methode ist eine Art Werkzeug der Mediation. Bei der Mediation geht es darum, Konflikte möglichst zu vermeiden oder bestehende Konflikte so zu entschärfen, dass die beteiligten Parteien zur Lösung ihrer Probleme bereit sind und diese auch gemeinsam erarbeiten.

Gerade, weil die wirtschaftliche Abwicklung einer Ehe emotionale Aspekte aufweist und jeder Ehepartner gerne für sich möglichst alles beansprucht und dem anderen möglichst wenig gönnt, ist mancher Streit vorprogrammiert. Die Methode stammt aus der Mathematik und bezweckt, begrenzt vorhandene Güter und Werte gerecht zu verteilen. Im Idealfall lässt sich das, was zu verteilen ist, in Zahlen und Werten beziffern.

Praxisbeispiel: Ideelle vs. materielle Werte

Das Auto ist 10.000 EUR wert, die eheliche Wohnung hat einen Verkehrswert 100.000 EUR. Lässt sich etwas jedoch nicht beziffern und in Geld bewerten, handelt es sich um einen ideellen Wert, für den die Methode gleichfalls versucht, eine Lösung zu finden: Das Elternhaus des Ehepartners hat einen Verkehrswert von 100.000 EUR, hat aber für den Ehepartner wegen des familiären Hintergrundes einen weitaus höheren ideellen Wert, der sich nicht objektiv beziffern lässt.

Wie funktioniert die Adjusted-Winner-Methode?

In der Ehe gehört alles, was die Ehepartner für die Haushaltsführung angeschafft haben, beiden Partnern gemeinsam. Auch das von beiden Partnern genutzte Familienauto fällt in diesen Topf. Besonders schwierig wird es, wenn die Partner gemeinsam eine Immobilie gekauft und beide im Grundbuch als Eigentümer eingetragen sind. Geht die Ehe in die Brüche, müssen sich die Partner einigen, wer was bekommt und wer auf was verzichten muss. Auch wenn klar ist, dass keiner alles allein beanspruchen kann, ist es erfahrungsgemäß immer schwierig, Kompromisse zu erzielen. Irgendwo gibt es immer irgendwelche Vorbehalte.

Die Adjusted-Winner-Methode baut darauf auf, dass die Ehepartner in einem ersten Schritt auf ein Blatt Papier alle zu verteilenden Objekte und Vermögenswerte niederschreiben.

  • Jeder Ehepartner bekommt 100 Punkte.
  • Diese Punkte teilen die Ehepartner getrennt nach ihrer individuellen Wertschätzung auf die Objekte und Vermögenswerte auf.

Wer besonderen Wert auf den Schmuck legt, vergibt für den Schmuck besonders viele Punkte. Wer auf die Büchersammlung verzichten kann, gibt dafür weniger oder gar keine Punkte. Oder wer sein Elternhaus wertschätzt, wird hierfür besonders viele Punkte vergeben und muss dafür im Gegenzug bereit sein, auf andere Werte weniger Punkte zu vergeben oder vielleicht darauf zu verzichten.

 

Rechenbeispiel Scheidungsformel
EhewohnungFamilienautoEinbaukücheTrekkingradKaffeeserviceGesamtpunkte
Ehepartner 1402020020100
Ehepartner 2 50020300100

 

 

  • Ein Objekt oder ein Vermögenswert wird dann derjenigen Partei zugesprochen, die dafür die höchste Punktzahl vergeben hat. Im Beispiel bekäme die Ehefrau also die eheliche Wohnung, die Einbauküche und das Kaffeeservice. Der Ehemann bekäme das Familienauto und das Trekkingrad.
  • Ehepartner 1 hätte für sich insgesamt 80 Punkte beansprucht, der Ehepartner 2 70 Punkte. Die Differenz von zehn Punkten, die Ehepartner 1 mehr bekommen hat, müsste irgendwie ausgeglichen werden. Ein Ausgleich könne darin bestehen, dass Ehepartner 2 aus dem gemeinsamen Haushalt zusätzlich etwas erhält.

Welchen Vorteil hat die Adjusted-Winner-Methode?

Werden die zu verteilenden Werte nach der Adjusted-Winner-Methode zugeteilt, vermeiden die Ehepartner im Idealfall unnötige Streitigkeiten. Mit der Vergabe der Punkte bekundet jede Partei, welche Wertigkeit sie einem bestimmten Wert zumisst. Dann sollte eigentlich kein Grund mehr bestehen, sich wegen dieses Wertes streitig auseinanderzusetzen.

Ein wichtiger Vorteil besteht darin, dass sich beide Parteien emotional als Gewinner fühlen und die Einschätzung haben, man sei nicht benachteiligt und die andere sei bevorteilt worden. Es entsteht eine Win-Win-Situation, auf deren Grundlage die Eheleute auch nach der Trennung und Scheidung freundschaftlich miteinander umgehen können.

Entscheidend ist letztlich, dass die einvernehmliche Abwicklung der ehelichen Lebens- und Wirtschaftsgemeinschaft dazu beiträgt, die streitige Scheidung möglichst zu vermeiden und die einvernehmliche Scheidung im gegenseitigen Einvernehmen der Partner herbeizuführen. Streitige Scheidungen haben streng genommen keine Sieger. Wer sich trotzdem als Sieger fühlt, hat oft einen reinen Pyrrhus-Sieg eingefahren, bei dem die Verluste die vermeintlichen Gewinne praktisch wettmachen.

Welche Nachteile hat die Scheidungsformel?

Die Idee ist nicht verkehrt. Die Aufteilung der Vermögenswerte nach dieser Scheidungsformel kann durchaus eine Hilfestellung bieten, sich irgendwie zu verständigen und den Gesichtsverlust in einem Verhandlungsmarathon zu vermeiden. Sie ist insoweit auch ein Fortschritt, als die Methode, insbesondere Hausratsgegenstände nach Los oder der höheren Punktzahl beim Würfeln zu verteilen, die Bedürfnisse der Partei nicht angemessen berücksichtigt und daher nicht immer befriedigende Ergebnisse erzielt.

Nachteilig ist, dass die Partei, die zwar eine Punktzahl angegeben hat, von der anderen Partei aber überbewertet wird, trotzdem unzufrieden bleibt. Bei der Vergabe der Punkte darf schließlich die Grenze von 100 Punkten nicht aus den Augen verloren werden. Es geht im Ergebnis also nicht ohne Kompromisse. Nur ein gegenseitiges Geben und Nehmen führt zum Erfolg.

Hilfreich wäre jedenfalls, wenn die Ehepartner zusätzlich eine Mediation in Anspruch nehmen, die den Abwicklungsprozess der ehelichen Lebensgemeinschaft begleitet, über emotionale, mentale und wirtschaftliche Hürden hinweghilft und Lösungen aufzeigt, die den Parteien aus eigener Sicht der Dinge verschlossen bleiben.

Alles in allem

Insgesamt ist also festzustellen, dass auch die Adjusted-Winner-Methode nicht der Weisheit letzter Schluss ist. Letztlich darf man auch nicht erwarten, dass es die perfekte „Scheidungsformel“ überhaupt gibt. Gerade, wenn die Ehepartner trotz der Trennung und Scheidung emotional und wirtschaftlich so sehr miteinander verflochten sind, werden diese letztlich selbst in der Verantwortung stehen, Lösungen zu suchen und Lösungen im gegenseitigen Einvernehmen zu akzeptieren. Gelingt dies nicht, entscheidet letztlich das Familiengericht nach eigenem Ermessen.

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Autor iurFRIEND-Redaktion vgwort-pixel

Datum 7. März 2022

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